Auf Humboldts Spuren

Reiseroute Alexander von Humboldts

Humboldt in VenezuelaErwartungsvoll steht der 29-jährige deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt an der Reling des leichten Segelkriegsschiffs “Pizarro”, als dieses am 16. Juli 1799 in den Hafen der im Nordosten Venezuelas gelegenen Stadt Cumaná einläuft. Auf Anhieb ist er von der Schönheit dieses malerischen Küstenabschnitts begeistert und kann es kaum erwarten, die “Neue Welt” fernab Europas zu erkunden. Ein waghalsiges Abenteuer in einem bis dahin kaum erforschten Naturparadies beginnt.

Zusammen mit seinem Begleiter, dem französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland, verbringt Humboldt die erste Zeit in Cumaná, widmet sich tagsüber mit Enthusiasmus der Wissenschaft und feiert abends ausgelassen mit den Einheimischen. Schließlich segeln die beiden weiter nach Caracas und brechen im Februar 1800 ins Landesinnere auf. Nach einem beschwerlichen Marsch durch die ausgedörrte Llano-Steppe erreichen die Forscher San Fernando de Apure, von wo aus es mit dem Kanu weitergeht.

Humboldt, der die Quelle des Orinoco erforschen möchte, heuert eine indianische Bootsmannschaft an, die die unerschrockenen Reisenden geschickt zum “großen Wasser” paddelt. Doch je weiter sie im Orinoco-Flusssystem vordringen, desto schlechter werden ihre Lebensbedingungen. Scharen von Mücken fallen über sie her, Stromschnellen bringen das Kanu gefährlich ins Wanken, das zweimal über Land getragen werden muss, während überall Krokodile mit laut knurrenden Mägen lauern. Als die Lage immer kritischer wird, beschließt Humboldt die Rückfahrt über Angostura nach Nueva Barcelona und verlässt von dort aus am 24. November 1800 Venezuela Richtung Kuba.

Entdeckungen während auf der Humboldt Route

 

Im September 1799 unternimmt Humboldt eine Forschungsexkursion in das Tal von Caripe und entdeckt einen – wie der Wissenschaftler schreibt – “für die Indianer schauerlich geheimnisvollen Ort”. Hierbei handelt es sich um die “Cueva del Guácharo“, die größte Tropfsteinhöhle Südamerikas, in der aber nicht die Seelen der Vorfahren der Einheimischen wohnen, sondern Tausende von hühnergroßen Vögeln, die Fettschwalme oder auch Guácharo genannt werden. Diese tageslichtempfindlichen Tiere orientieren sich im Reich der Dunkelheit mittels Schallsignalen und verlassen erst in der Abenddämmerung in Scharen ihren Unterschlupf, um auf Nahrungssuche zu gehen.

NixónDie sensationellste Entdeckung macht Humboldt allerdings auf seinem Spezialgebiet der Geographie, indem er den Beweis einer bislang nur geahnten natürlichen Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas erbringt. Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Bifurkation, also Gabelung eines Gewässers in zwei Flusssysteme, nämlich der Abzweigung des Cano Casiquiare vom Orinoco, der über den Rio Negro in den Amazonas fließt.

Humbolds Forschungen in Venezuela verhalfen den verschiedensten Wissenschaftszweigen zu bahnbrechenden neuen Erkenntnissen – wie beispielsweise seine Schlussfolgerungen aus der Beobachtung eines Sternschnuppenschauers in Cumaná für die Astronomie oder seine riskanten Selbstversuche mit elektrischen Zitteraalen für die Physik und Biologie. Auch der Medizin leistete Humboldt wertvolle Dienste, als er – vermutlich zum Entsetzen Bonplands – das Gift Curare trank und damit nachwies, dass es nur im direkten Kontakt mit Blut wirkt.

Humboldt: “Die Tropenwelt ist mein Element”

Humboldt in den Tropen VenezuelasWie in einem Rausch erlebt Humboldt die Zeit in Venezuela. Unermüdlich sammelt er Steine, Tiere, Pflanzen, kriecht über den braunen Llano-Boden, um das heuartige Savannengras zu inspizieren, und vermisst und kategorisiert nahezu alles – selbst Kopfläuse. In einem Brief an seine Familie schreibt er: “Wie die Narren laufen wir jetzt umher. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören. Ich fühle, dass ich hier sehr glücklich sein werde.”

Der Forscher beschreibt aber auch die Gefahren während seiner Dschungelexpedition: “Vier Monate hindurch schliefen wir in Wäldern, umgeben von Krokodilen, Boas.” Doch mehr noch scheinen ihm die Moskitos zugesetzt zu haben, “die die Luft verfinstern” und deren Gift “so wüthend schmerzt”, dass es fast unmöglich ist, “am Tageslicht zu schreiben”. Aber die unglaubliche Vielfalt der Natur, die unberührten und kontrastreichen Landschaften von knochentrockener Savanne bis hin zum üppig wuchernden Regenwald lassen Humboldt alle Strapazen vergessen – ja, er fühlt sich sogar gesünder und fröhlicher denn je, wie er notiert.

Interesse zeigt der Naturforscher aber auch am Leben der Menschen in Venezuela und ist entsetzt über die Missstände in den spanischen Kolonien. Insbesondere empört sich der von den Idealen der Aufklärung geprägte Universalgelehrte über die Sklaverei und appelliert an die Mächtigen: “Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt!” – ein Credo, das Humboldt als unabhängiger Weltreisender auf beeindruckende Art und Weise vorgelebt hat.